EVITA

-musical andrew lloyd webber & tim rice
staatstheater wiesbaden
premiere am 5. oktober 2013

 

musikalische leitung:     wolfgang wengenroth

regie & choreographie:    pascale chevroton

bühnenbild:                      roy spahn 

kostüme:                         tanja liebermann

mit:

milica jovanovic, beatrix reiterer, thomas christ, peter bording, philippe ducloux, sarah jones, jasmin herrera, philipp georgopoulos, felicitas geipel, katrin gietl, marc-wolfgang frey

 

FAZ am 6.10.13 Evita“ in WiesbadenPorträt einer schillernden Persönlichkeit

06.10.2013 ·  Pascale-Sabine Chevrotons Neuinszenierung der „Evita“ am Staatstheater Wiesbaden verspricht der Renner der Saison zu werden.

Von BENEDIKT STEGEMANN
 

Als Andrew Lloyd Webber im Jahr 1973 mit der Arbeit an seinem Musical „Evita“ begann, war die im Jahr 1952 an Krebs gestorbene und von ihm als Titelfigur ausersehene Eva Perón unverhofft im Gespräch. Der nach Jahrzehnten im spanischen Exil nach Argentinien zurückgegehrte Expräsident Juan Perón gelangte für kurze Zeit wieder an die Macht und beschwor den Mythos seiner verstorbenen, von vielen Menschen zur Heiligen verklärten Frau.

All dies ist längst Geschichte, und das politische Element von „Evita“ bis zur Erschöpfung ausgelotet. Bei ihrer Neuinszenierung des Musicals am Staatstheater Wiesbaden setzt Pascale-Sabine Chevroton daher auf einen Paradigmenwechsel: Der historische und gesellschaftliche Hintergrund bleibt kenntlich, dient aber nur als Folie für die Auseinandersetzung mit der Innenseite der schillernden Protagonistin. Dies manifestiert sich zunächst im Rollenprofil des Che: Wo oft ein Abziehbild des Berufsrevolutionärs Che Guevara durch die Kulissen tanzt, agiert in Wiesbaden ein kahlköpfig-bleiches Mischwesen, ein mephistophelisch angehauchter Todesengel mit Attributen des Philosophen Don Alfonso aus Mozarts Oper „Così fan tutte“. Thomas Christ ätzt als Che die schöne Oberfläche der Scheinheiligen Evita, ohne deren Faszination zu zerstören: Er dient als Wegweiser in einen multiperspektivischen Kosmos. Dort zeigt sich einerseits der von Juan Perón eingeschlagene Weg zur Macht, gesäumt von beseitigten Konkurrenten und einer niedergeknüppelten Opposition. Und da ist Evas Weg, der mit der Inbesitznahme des Musikers Magaldi (Philippe Ducloux) beginnt und über mancherlei männliche Zwischenstationen und Berufe zu Perón und zur Eroberung eines ganzen Landes führt. Die Kraft dazu schöpft Eva aus der vollständigen Identifikation mit der von ihr gewählten Rolle der wohltätigen Erlöserin, den Blick fest in den Spiegel oder auf das visionäre Fernziel gerichtet.

Es gelingen einprägsame Bilder

Milica Jovanovic spielt die Titelfigur als im Kern irritierend konstante Persönlichkeit, welche zugleich atemberaubenden Wandlungen unterworfen ist: Zwischen dem Ausbruch des mit unerschöpflicher Energie gesegneten Teenagers aus der Provinz bis zum Triumph als First Lady in Buenos Aires vergeht nur ein Jahrzehnt, dann setzt durch die schwächende Krankheit Aushöhlung ein. Jovanovic durchmisst diese Spanne grandios: Man glaubt ihr das frische Mädchen ebenso wie die zurechtgeschminkte Schönheit einer vom Tode Gezeichneten. Vokal kann sie schnell umschalten, lässt ihr sentimental eingefärbtes Timbre bei Bedarf fallen wie eine Hülle, um mit dem stählernen Glanz ihres klaren Soprans zuzustechen. Peter Bording gibt den dazugehörigen Gatten als Chamäleon. Mal ist er das Wachs in Evas Händen, mal derjenige, der sie mit zynischem Lächeln für seine Ziele instrumentalisiert. Wer Figur ist und wer agiert im Schachspiel der Macht, bleibt offen. Die daraus resultierende Spannung befeuert auch das Orchester des Staatstheaters unter der Leitung von Wolfgang Wengenroth. Immer wieder werden klangliche und rhythmische Härten schonungslos ausgestellt, dann trägt mit klassischen Mustern imprägnierter Schönklang weiter zur nächsten Illusion.

Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Roy Spahn gelingen der Regie sehr einprägsame Bilder, gipfelnd in der auf eine transparenten Leinwand projizierten Ansprache Evitas an ihr Volk. Dieses jubelt pflichtschuldigst hinter der Wand, während vorne an der Rampe die von Jasmin Herrera überzeugend verkörperte Kleine Eva die Verwirklichung ihres Kindheitstraums anstaunt. Sehr gelungen ist die handwerkliche Seite der Produktion: Die Szenen gehen ohne jeden Reibungsverlust ineinander über, nicht zuletzt dank der Personenführung, die Chor und die Statisterie umsichtig einbezieht. Das völlig ins Geschehen versunkene Premierenpublikum revanchierte sich mit enthusiastischem Schlussapplaus. Es bedarf keiner hellseherischer Fähigkeiten, um „Evita“ einen Dauerplatz im Spielplan dieser Saison vorherzusagen.

 

wiesbadener tagblatt vom 7.10.13

Minutenlanger Applaus für das Musical „Evita“ im Hessischen Staatstheater Wiesbade

„Wein‘ nicht um mich, Argentinien“ – wie man es auch dreht und wendet, diesen Ohrwurm wird man einfach nicht mehr los. Die wunderbare „Eva“ Milica Jovanovic singt, lebt und leidet den Welthit, überwältigt von Gefühlen, zu Beginn des zweiten Aktes - aus der großen Loge im ersten Rang. An ihrer Seite: Juan Perón, der neue Präsident Argentiniens. Die übergroßen Bilder dieser Inthronisierung sind auf einen transparenten Bühnenvorhang projiziert. Hinter dem huldigt das andächtig jubelnde Volk seiner auserkorenen Säulenheiligen. Santa „Evita“ ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, und natürlich ist dieser triumphale Moment im Februar 1946 auf dem Balkon der Casa Rosada von Buenos Aires auch der emotionale Höhepunkt von Pascale-Sabine Chevrotons formidabler Neu-Inszenierung des Lloyd-Webber-Klassikers.

Ein Kult-Musical, dessen Stoff für die große Oper taugt: Aschenputtel-Märchen, Polit-Revue, Broadway-Renner und ein wenig Brecht-Drama – keine leichte Aufgabe, die Lebensgeschichte der ewig umstrittenen First Lady Argentiniens auf die Bühne zu bringen. Zumal der Rahmen, den Andrew Lloyd Webber und seine gestrenge Produktionsfirma setzt, freundlich formuliert nur überschaubaren Raum für Innovationen lässt. Regisseurin/Choreografin Chevroton hat diese Herausforderung eindrucksvoll gemeistert, ohne ins Pathos abzudriften, Kitsch zu bemühen oder eine nächste nur glorifizierende Seifenoper zu stricken. Im Gegenteil: Ihre immer wieder klug reduzierte, in originelle Bühnenbilder (Roy Spahn) platzierte „Evita“ zeichnet den Weg eines bitterarmen, ehrgeizigen jungen Mädchens aus der Provinz zur Macht nach, thematisiert bewusst die düsteren Schattenseiten dieses Aufstiegs und den Preis, den diese unaufhaltsame Karriere fordert.

„Che“ als Mephisto

Das Drama beginnt nicht wie üblich in einer pittoresken Kneipe, sondern mit einem Requiem: Im Juli 1952 wird Eva Perón zu Grabe getragen. Doch aus dem mit Lilien überhäuften weißen Sarg steigt einer, der sich nicht in die Trauergemeinde einreihen will: „Che“ (Thomas Christ), von Autor Tim Rice einst als Kunstfigur und Erzähler in die Handlung integriert, ist in Chevrotons Inszenierung ein Revoluzzer der anderen Art – mehr Mephisto und Gevatter Tod denn gönnerhafter Mentor.

Er, der im wirklichen Leben Eva Perón nie getroffen hat, begleitet kritisch, wahlweise zynisch fragend ihren Weg raus aus der Armut, protegiert vom Nachtklubsänger Magaldi (Philippe Ducloux) hinein in die Showsternchen-Szene der Großstadt, wo ihre diversen Liebhaber ihr im wahrsten Wortsinn immer wichtigere Türen öffnen. Im Juni 1944 trifft sie dann einen anderen, vom Militär gepushten Machtbesessenen: Oberst Perón (Peter Bording). Von nun an marschieren zwei Gleichgesinnte - die charismatische, von der Oberschicht herablassend beäugte Aufsteigerin und der vermeintliche Retter Argentiniens - unaufhaltsam dem Thron entgegen. Doch selbst im rosafarbenen Präsidentenpalast lässt der fast manische Ehrgeiz sie nicht ruhen: Prunk, Glamour, Pelze, Luxus und das gehortete Stiftungsgeld in der Schweiz - die „barmherzige Frau aus dem Volk“ will schöner als die Aristokraten sein und als Engel ihrer Nation auch im Ausland verehrt werden. Der Rest, ihre gescheiterte Regenbogen-Tour zu Spaniens Franco, nach Italien und Großbritannien, ihre trotz Krebsleiden avisierte Vizepräsidentschaft und ihr Tod mit 33 Jahren, ist Geschichte. Eine, die Pascale-Sabine Chevroton auch im Finale auf elegante Art erzählt. Wichtigste Eckpfeiler: Sopran Milica Jovanovic, die eine großartig unprätentiöse, auch schauspielerisch überzeugende „Evita“ gibt, und „Che“ Thomas Christ, der auf seiner Metaebene das Geschehen mit teuflisch kühler Distanz kommentiert. Nach dem Schlussbild, als die von Krankheit gezeichnete Eva Perón ein letztes Mal den eigenen Mythos beschwört hat, gibt es für das insgesamt rund 70-köpfige Ensemble verdientermaßen Bravo-Rufe und minutenlang Applaus.

 

frankfurter Neue Presse

Nur die Guten sterben jung

Von Joachim Schreiner

 

„Evita“, das Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, hatte Premiere am Wiesbadener Staatstheater, isnzeniert von Pascale-Sabine Chevroton.

Ein früher, tragischer Tod kann einen Menschen unsterblich machen. So ist es bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis Lady Diana zur Musicalfigur wird. Doch auch wer eines natürlichen Todes als öffentliche Person jung stirbt, kann zum Mythos werden. So erging es Eva Duarte de Perón (1919-1952), die im Alter von 33 Jahren an Krebs starb. Ihre Geschichte zeichneten die britischen Musical-Komponisten 1978 musikdramatisch nach.

Da das Stück zum Welterfolg wurde, ist es erstaunlich, dass es erst jetzt am Hessischen Staatstheater inszeniert wurde. Musical-Spezialistin Pascale-Sabine Chevroton machte aus dem Werk eine Politparabel von zeitloser Eleganz und mit augenbezirzenden, teils opulent eingerichteten Tableaus. Bildprojektionen auf weißen Bahnen stellen zunächst die zeitgenössische Eva optisch attraktiv dar, später die Bühnenfigur.

Immer wieder großartig ist der Kunstgriff des Librettisten, der Figur der Eva (von Milica Jovanovic mit großer Emphase und stimmlicher Verve verkörpert) einen Widerpart entgegenzustellen: Che (Thomas Christ mit fast diabolischer Ausstrahlung) hinterfragt die Handlungen Evas bissig auf ihre gesellschaftliche Wirkung hin. Bekanntlich sind sich diese beiden Menschen im wahren Leben nie begegnet.

Das Musical vollzieht das Leben der Evita bewegend nach: der Weg aus ärmlichen Verhältnissen, über die Begegnung mit einem bekannten Tango-Sänger in Buenos Aires, bis hin zur Heirat mit dem argentinischen Diktator Juan Perón, der ihr auf der Politbühne Türen öffnet für die große Karriere und sie zur ersten wirklichen First Lady des 20. Jahrhundert macht, die Europas Herrscher und den Papst trifft.

Im Großen Haus arbeiten Ausstattung, Darsteller, Sänger und Orchester Hand in Hand. Die herrliche Musik mit zahlreichen Hits und Kantilenen zum Mitsummen ist in der Hand von Wolfgang Wengenroth bestens aufgehoben. Mit Übersicht und klangsinnlichem Verständnis führt er seinen Klangkörper, Chor und Jugendchor des Hauses sicher durch die Partitur. Bariton Peter Bording verleiht stimmlich seinem Perón eine gewisse Eleganz, während die Rolle des zwielichtigen Tango-Sängers Magaldi von dem amerikanischen Tenor Philippe Ducloux glänzend gestaltet wird.

Besonders beeindruckend ist die Szene nach der Pause, wenn Evita ihre berühmte Liebeserklärung an ihr Volk singt: „Wein nicht um mich, Argentinien“ - in Wiesbaden hat man sich für die deutsche Textfassung von Michael Kunze entschieden. Was in manch anderen Übertragungen holprig und statisch klingt, tönt hier wie aus einem Guss. Regisseurin Chevroton hat diese „Evita“ so inszeniert, wie Musical sein muss: sinnlich, emotional packend und visuell beeindruckend.